"Was man kennt, davor muss man keine Angst haben" – Seite 1
Die Hirnvenenthrombosen bei einzelnen Geimpften, weswegen der Impfstoff von AstraZeneca einige Tage nicht verabreicht wurde, können offenbar infolge der Corona-Impfung entstehen. Ein Forscherteam der Uni Greifswald habe das entdeckt und herausgefunden, wie sie im Ernstfall behandelbar ist. Weil die Nebenwirkung bei extrem wenigen Menschen auftritt, wird die AstraZeneca-Impfung weiter eingesetzt. Robert Klamroth, Spezialist für Gefäßkrankheiten und Blutgerinnung, erklärt die seltenen Gerinnsel, die mit klassischen Thrombosen wenig gemein haben.
ZEIT ONLINE: Herr Klamroth, gerade noch hieß es, der Zusammenhang sei unklar. Nun verkündeten Fachkollegen von Ihnen auf einer Pressekonferenz, dass die Impfung der Firma AstraZeneca ganz bestimmte Gerinnsel im Gehirn auslösen kann. Und noch dazu, wie. Um welche Art von Gerinnseln geht es?
Robert Klamroth: Das ist ganz wichtig: Es handelt sich hier nicht um normale Thrombosen, also zum Beispiel solche in den Beinvenen. Es gibt keinen Hinweis, dass solche Gefäßverstopfungen nach Impfungen häufiger auftreten als in der Allgemeinbevölkerung. Das hat die Europäische Arzneimittelagentur, die Ema, am Donnerstag noch einmal klargemacht. Wir sprechen hier von zerebralen Sinusthrombosen, also sehr seltenen Gerinnseln in großen Blutgefäßen des Gehirns. Der häufig genutzte Begriff Sinusvenenthrombose ist nicht ganz korrekt, weil die Sinus bereits die Venen des Gehirns sind. Als Anfang der Woche bekannt wurde, dass es davon eine gewisse Häufung unter Geimpften gibt, hat uns als Experten das sofort hellhörig gemacht.
ZEIT ONLINE: Warum?
Klamroth: Erst einmal war auffällig, dass in Deutschland in recht kurzer Zeit erst sieben und mittlerweile schon 13 Fälle in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung von AstraZeneca gemeldet wurden. Das ist deutlich mehr, als man statistisch erwarten würde. Absolut ungewöhnlich war dabei vor allem, dass neben der Sinusthrombose ein Abfall der Blutplättchen aufgetreten ist. Das passt normalerweise nicht zusammen. Als Fachmann vermutet man da sofort eine Reaktion des Immunsystems als Ursache. Ein weiterer Punkt, der uns stutzig machte, war das typische Zeitfenster, in dem die Geimpften erkrankten, nämlich vier bis 16 Tage nach der Impfung. Auch das passte genau zu einer Immunreaktion.
ZEIT ONLINE: Woher kennen Sie die Details zu den Fällen, die der Greifswalder Medizinprofessor Andreas Greinacher nun mit seinem Team genau untersucht hat?
Es dürfte sich um die Hauptursache handeln
Klamroth: Ich selbst war über Kolleginnen und Kollegen aus der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) am Montag an der Beratung des Paul-Ehrlich-Institus (PEI) beteiligt, bevor Gesundheitsminister Spahn den Impfstopp verkündet hat. Für alle Fachleute war ein Zusammenhang sehr wahrscheinlich. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte der Betroffenen haben dann Blutproben betroffener Patientinnen nach Greifswald geschickt, zu Professor Greinacher, der ein Experte auf genau diesem Gebiet ist. Mit ihm war der Vorstand der GTH, zu dem auch ich gehöre, immer wieder in Kontakt. Er hat es mit seinem Team und der Unterstützung des PEI innerhalb weniger Tage geschafft, das Entstehen der Sinusthrombosen so aufzuklären, dass man aus meiner Sicht eine plausible Erklärung hat. Vielleicht liegt dieser Mechanismus nicht als einziger jedem Fall zugrunde. Aber es dürfte sich um die Hauptursache handeln. Dass das so schnell gelungen ist, ist wirklich außergewöhnlich.
ZEIT ONLINE: Wie kommt es in seltenen Fällen nach der Impfung zu so einer Sinusthrombose?
Klamroth: Es handelt sich um eine Autoimmunreaktion. Die Impfung kann offenbar dazu führen, dass sich im Körper der Geimpften nicht nur die erwünschten Antikörper gegen das Coronavirus bilden, sondern in seltenen Fällen auch solche, die sich gegen bestimmte Proteine auf den Blutplättchen richten – im Fachjargon Thrombozyten genannt. Blutplättchen sind wichtig, damit das Blut verklumpen kann, wenn nötig. Etwa, damit sich Wunden schließen. Normalerweise sind sie inaktiv, aber durch die Antikörper werden sie stark aktiviert, verklumpen und bilden Gerinnsel.
ZEIT ONLINE: Mit welchen Folgen?
Klamroth: Verstopft eines der großen venösen Gefäße im Gehirn, kann das dazu führen, dass das Blut nicht mehr richtig abfließen kann, der Druck im Gehirn wird immer größer, das kann tödlich enden. Das Besondere bei den Fällen, die nach der Impfung aufgetreten sind, ist aber die Kombination aus Thrombose und Blutplättchenmangel. Wenn sich Gerinnsel bilden, werden dabei Blutplättchen verbraucht, was sich dann als Mangel im Blutbild bemerkbar macht. Diesen Mechanismus konnte Andreas Greinacher bei vier Patientinnen mit Sinusthrombose in seinem Labor nachweisen. Den Mechanismus dahinter kennen wir aber so ähnlich schon von einem anderen Krankheitsbild, der heparininduzierten Thrombozytopenie (HIT). Auch dabei entstehen Thrombosen an untypischen Orten. Warum die Gerinnsel nach einer Impfung nun gerade im Gehirn häufiger aufzutreten scheinen als an anderen Stellen im Körper, wissen wir noch nicht.
"Wer zu Thrombosen neigt, ist nicht stärker betroffen"
ZEIT ONLINE: Bei der HIT ist das Blutverdünnungsmittel Heparin der auslösende Faktor für die Fehlreaktion des Immunsystems. Welcher ist es bei der Impfung?
Klamroth: Genaue Details darf ich noch nicht verraten, weil Herr Greinacher die Studie im New England Journal of Medicine oder The Lancet veröffentlichen will. Und die Journals mögen es nicht, wenn zu viel bereits vorher an die Öffentlichkeit gerät. Vielleicht soviel: Es sind entweder die Entzündungsbotenstoffe, die nach der Impfung ausgeschüttet werden, oder das durch die Impfung gebildete Spike-Protein des Coronavirus, in Kombination mit einem bestimmten Protein auf den Blutplättchen. Zusammen ist diese Struktur dann ein Reiz für das Immunsystem, Antikörper zu bilden, die die Gerinnung in Gang setzen. Weil diese Antikörper aber erst gebildet werden müssen, dauert es einige Tage, bis die Symptome einsetzen.
ZEIT ONLINE: Auf welche Symptome sollten Geimpfte achten?
Klamroth: Das erste, was auffällt, sind immer Kopfschmerzen, die mehr als drei Tage nach der Impfung immer noch anhalten oder nochmal neu auftreten. Man darf aber nicht vergessen: Diese Sinusthrombosen nach Impfung sind, nach allem was wir wissen, extrem selten. Und nicht jeder mit leichten Kopfschmerzen muss gleich zum Arzt oder zur Ärztin.
ZEIT ONLINE: Wann sollte man denn auf jeden Fall ärztlichen Rat suchen?
Klamroth: Wenn die Kopfschmerzen trotz Schmerzmitteln nicht weggehen, einem schwindelig ist. Oder natürlich, wenn schon neurologische Ausfallerscheinungen dazu kommen, man also nicht richtig sprechen, sehen oder eine Körperhälfte nicht mehr wie gewohnt bewegen kann. Dann sollte man direkt in die Notaufnahme gehen. Das gilt übrigens immer bei solchen Anzeichen.
ZEIT ONLINE: Wie prüfen Ärztinnen dann, ob es eine Hirnvenenthrombose ist?
Klamroth: Wenn man mit unspezifischen Symptomen zum Hausarzt geht, sollte dieser Blut abnehmen und die Blutplättchenzahl bestimmen sowie einige andere Werte. Die definitive Diagnose wird mithilfe der Bildgebung gestellt, also mit Aufnahmen des Kopfes im Computer- (CT) oder Magnetresonanztomografen (MRT). Wenn der Verdacht auf eine Sinusthrombose besteht, zumal in Kombination mit wenigen Blutplättchen, und die Person vor Kurzem geimpft wurde, können Mediziner einen speziellen Test machen.
ZEIT ONLINE: Wie funktioniert der?
Klamroth: Dieser Test sucht nach jenen Antikörpern, die die Blutplättchen aktivieren und somit die Gerinnsel verursachen. Sowohl Kliniken als auch niedergelassene Labore bieten diesen Test routinemäßig an, weil sie auch bei Verdacht auf eine durch das Mittel Heparin ausgelöste Thrombozytopenie gemacht wird. Fällt dieser Test positiv aus, ist sehr wahrscheinlich, dass die Impfung Ursache ist und die Sinusthrombose durch eine Immunreaktion ausgelöst wurde.
ZEIT ONLINE: Was kann den Betroffenen dann helfen?
Klamroth: Um die weitere Gerinnselbildung zu stoppen und dem Körper die Möglichkeit zu geben, die Gerinnsel aufzulösen, die sich schon gebildet haben, gibt man gerinnungshemmende Medikamente. Nur eben eher kein Heparin, weil das die Beschwerden noch verschlimmern könnte. Dadurch, dass die Ursache nun kennen, können wir mit der Therapie auch dort ansetzen. Nämlich mit hochdosierten Immunglobulinen – Antikörpern, die die Aktivierung der Blutplättchen wiederum unterbrechen. Durch die neuen Erkenntnisse können wir diese Komplikation also nun gezielt behandeln. Vor allem bei Personen mit schweren Verläufen könnte das den entscheidenden Unterschied machen.
ZEIT ONLINE: Müssen Personen, die schon einmal eine Thrombose hatten, zum Beispiel in den Beinvenen, sich nach der AstraZeneca-Impfung besondere Sorgen machen?
Auf Bevölkerungsebene überwiegen die Vorteile der Impfung immer noch bei Weitem.
Klamroth: Nein. Wer zu Thrombosen neigt, ist von dieser Komplikation nicht stärker betroffen als andere. Der Mechanismus dahinter ist ein ganz anderer. Thrombosen sind eher eine Krankheit des Alters. Dann würde man jetzt ja erwarten, vor allem ältere Menschen mit Sinusthrombosen infolge der Impfung zu sehen. Aber es ist ja genau umgekehrt. In Großbritannien wurden vor allem Ältere mit AstraZeneca geimpft, und es ist keine Häufung von Hirnvenenthrombosen aufgefallen. In Deutschland hingegen sind vor allem jüngere Frauen damit geimpft worden. Diese haben generell ein erhöhtes Risiko für Autoimmunkrankheiten. Also die Art von Krankheit, die hinter den speziellen Sinusthrombosen steckt. Daher liegt es näher, die Ursache in diesem Zusammenhang zu suchen. Sinusthrombosen treten zwar sowieso häufiger bei Frauen auf, aber die Autoimmunkomponente könnte ein Grund sein, dass es nach der Impfung überproportional viele sind. Aber noch einmal: Insgesamt ist das Risiko auch für jüngere Frauen sehr gering.
ZEIT ONLINE: Kann man sein eigenes Risiko noch weiter senken?
Klamroth: Leider nicht. Wichtig ist, bei anhaltenden Beschwerden nach der Impfung zum Arzt zu gehen.
ZEIT ONLINE: Viele fürchten, dass das Vertrauen in den AstraZeneca-Impfstoff durch die Berichte über diese mögliche seltene Nebenwirkung weiter abgenommen hat. Schon die anfängliche Zulassung nur für Menschen unter 65 hat viele irritiert. Dabei lag das an zunächst noch nicht ausreichenden Daten zur Wirksamkeit, die inzwischen vorhanden sind und zeigen: Die Impfung schützt auch Ältere sehr gut. Deshalb wird sie auch allen empfohlen. Hilft es für das Vertrauen, dass der Mechanismus hinter dieser Komplikation nun weitgehend aufgeklärt zu sein scheint?
Klamroth: Auf jeden Fall. Was man kennt, davor muss man keine Angst haben. Für den Einzelnen, der diese Komplikation bekommt, ist sie immer noch ernst. Aber sie ist beherrschbar, wir haben den Mechanismus verstanden, und sie ist sehr selten. Auf Bevölkerungsebene überwiegen die Vorteile der Impfung immer noch bei Weitem. Genauso wie die Ema und das PEI dies am Donnerstag noch einmal betont hatten, sehen es auch wir von der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (Anm. der Red.: Die ganze Stellungnahme hier als PDF).
ZEIT ONLINE: Aber warum hat die Ema dann am Donnerstag noch gesagt, dass ein Zusammenhang zur Impfung nicht sicher sei?
Klamroth: Die Ema kannte den Zusammenhang zum Zeitpunkt der Pressekonferenz noch nicht mit letzter Sicherheit. Die Ereignisse haben sich einfach überschlagen. Vollständig klar war der Zusammenhang erst Donnerstagabend, da habe ich es auch von Andreas Greinacher erfahren. Heute Morgen ist er dann an die Presse gegangen. Im Hintergrund gab es noch einen Wissenschaftswettlauf: Gleichzeitig hat eine Forschungsgruppe in Oslo daran gearbeitet, den Mechanismus aufzudecken. Und sie kommen offenbar zum gleichen Ergebnis. Dass das so schnell gelungen ist, ist ein Triumph der Wissenschaft – und ganz wichtig für die weitere Impfkampagne.
Kommentare
Amyntas IV.
#1 — vor 1 StundeIch habe sicher kaum die Hälfte der wissenschaftlichen Erklärung verstanden, halte aber für mich fest, dass ich Ende April ohne Probleme meine zweite AstraZeneca-Impfung abholen werde. Mit Kopfschmerzen rechne ich nicht, werde aber auf sie achten.
Und ja, wenn zwei Teams so schnell das Problem analysieren und verstehen, ist das tatsächlich ein Triumph der Wissenschaft.
_c3po_
#2 — vor 1 StundeBemerkenswert, in welcher Geschwindigkeit das Problem analysiert wurde. Danke dafür!
Zoi
#3 — vor 1 StundeMich würde interessieren, ob eine Autoimmunkrankheit ein Risikofaktor ist. Ich bin relativ junge Rheumatikerin, sollte ich AZ also lieber vermeiden? Hoffe, das ist geklärt, bis ich meinen Impftermin bekomme.
kikiwi
#4 — vor 1 StundeSehr erfreulich, wenn sich ein Fachmann so klar dazu äußert und nicht ein Schwurbler....
Danke für das Interview!